Flamingos und Fingerspitzengefühl

Trend hin- Trend her. Ich hab mir noch nie viel aus Trends
gemacht, bin immer meinen eigenen Weg gegangen, habe sogar eine eigene Technik
in der Malerei entwickelt, fern von dem was gerade in der Kunstwelt in oder out
ist.
Meine Malerei entwickelt sich aus Eindrücken, die mich wirklich berühren.

Letztes Jahr stattete ich Ses Salinas in Es Trenc auf
Mallorca, wegen des Salzes für meine Salztechnik einen Besuch ab und sah die
dort ansässigen Flamingos erstmals live. Obwohl ihr Gefieder dort nicht so
leuchtend Rosa ist, fand ich diese Vögel selbst aus der Ferne faszinierend und
bedauerte es, dass ich sie nicht von der Nähe aus betrachten konnte.

Wieder zu Hause, wollte ich mehr über Flamingos wissen,
recherchierte, sah mir Nahaufnahmen an und war stark beeindruckt. Flamingos
gibt es in allen rosa Schattierungen, doch das intensive Pink sprach mich am
meisten an. Ich fand auch, dass Flamingos gar nicht putzig aussehen, sondern
einen teilweise sehr grimmigen Ausdruck an den Tag legen. Ihre Physiognomie
ergriff mich.

Schon bald begann ich erste Skizzen, dann kleine Ölbilder zu
malen- und hatte – ganz entgegen meiner sonstigen Ernsthaftigkeit, überhaupt
keine Angst, vor diesem „kitschigen“ Pink!

Im Gegenteil! Dieser Gesichtsausdruck brauchte meiner
Meinung nach diese intensive Farbe. Flamingopink ist Energie und Lebensfreude
pur! Jetzt schreien sicher alle Kunstkritiker: „Ja gegen die Farbe ist ja
an sich nichts einzuwenden, aber ausgerechnet Flamingos???? Der Vogel, der wohl
sicherlich seit gut einem Jahrzehnt nun für jeden Ramsch vermarktet wird, der
kann doch wohl nicht als seriöses Motiv in der Kunst gelten???“

Für mich schon. Diese Vögel sind so ambivalent wie nur
möglich. Sie gelten als niedlich und entzückend, sind allseits beliebt. Jedoch
ist ihre Mimik bei genauer Betrachtung nach beinahe schon hässlich, meiner
Meinung nach fast nur noch vom Marabu zu toppen. Ich sehe etwas ernsthaft Majestätisches,
Anmutiges und Allwissendes in ihrem Mienenspiel, aber eben auch etwas Missmutiges.

Sie sind sozusagen perfekt „unperfekt“. Da sind
sie wieder, die Brüche, die mich so faszinieren in der rosaroten
„Flamingowelt“. Notwendige Brüche in der Kunst. Kunst will mit dem Betrachter kommunizieren, sie entwickelt ihre Eigenständigkeit.



(Die ersten drei 20×20 cm großen Flamingo Ölbilder von 2017)

Nachdem mir meine ersten drei kleinen Flamingo Ölbilder
buchstäblich sofort von einer Sammlerin aus den Händen gerissen wurden, fiel es
mir wie Schuppen von den Augen:

Dieses Tier hat eine Ausstrahlung, die tief berührt, es ist
nicht nur das Rosa oder das Motiv an sich. Irgendwie habe ich es geschafft sein
Wesen zu offenbaren und dieses Wesen hat einfach eine magische, fast schon
überirdische Ausstrahlung.

Darauf hin malte ich ein Flamingo Paar auf eine größere
Leinwand mit angedeutetem
Sonnenuntergang. Bei dieser 110 x 160 cm
großen Arbeit empfand ich, dass die Kombination mit meiner Salztechnik diese
Ausstrahlung zusätzlich verstärkt. Doch da bin ich nicht alleine mit diesem
Eindruck. Mein Mann wollte die Arbeit zunächst gar nicht in die Galerie geben
und mein Galerist auf Mallorca war total begeistert.

(„Sunset Flamingos“ 2017, 110 x 160 cm, Acryl, Öl auf Leinwand)

Er beabsichtigte original große Limiteds davon anfertigen lassen.
Da bin ich innerlich doch zuerst zusammen gezuckt.
Reproduktionen oder besser gesagt Limiteds? Geht das überhaupt oder ist das der
schleichende Untergang, die Entwertung der Kunst?

Ist es überhaupt möglich den Ausdruck des Originals auf eine
gleichgroße Reproduktion zu transponieren??

Mit echtem Fingerspitzengefühl tatsächlich schon.

Denn zwei Wochen später, zeigte mir mein Galerist das
Ergebnis und ich war wirklich sehr von der Anmutung des Limited beeindruckt.

Auch wenn ich nur einen Testausdruck in den Händen hielt, so
war ich doch sprachlos.
Die Emotion war da.
Jahrelange Erfahrung und viel Feingefühl
machen es möglich.

Klar ein Original ist und bleibt ein Original, da kann
natürlich kein Limited mithalten, aber es ist eine weitere Option, die auch
ihre Berechtigung haben sollte, finde ich.

Mein Galerist sagte damals: „Weißt Du Judith, wenn das
Original keine Ausstrahlung hat und den Betrachter nicht berührt, dann kann ich
das auch nicht auf das Limited zaubern.“

Übrigens ist das original Ölbild in der Galerie Arte Casa in Port Antratx auf Mallorca zu sehen.
Heute Abend findet außerdem die „Grand Opening Party“ der Galerie Arte Casa II statt!
Ich werde an der Vernissage (Gruppenausstellung der GaleriekünstlerInnen) persönlich anwesend sein und freue mich auf viele Besucher.

https://www.artecasa-gallery.com/

Herzlich Judith